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Über die Unbedachtsamkeit des vorzeitigen Aufreißens

Die entweihte Gabe

Man muss sich die Welt eines Wichtels als ein fragiles Gefüge aus Etikette und exakt austarierten Erwartungshaltungen vorstellen. Ein Wichtel wie Freya schätzt das Zeremoniell. Für sie ist das Unausgepackte nicht einfach nur ein Karton, sondern ein Schwebezustand höchster Würde, vergleichbar mit der Stille in einem gut geführten Lesesaal vor dem ersten Umblättern.

An diesem speziellen Donnerstagmorgen jedoch war die Würde nicht nur angekratzt, sie war regelrecht zerfleddert.

Holger betrat den Flur und bemerkte sofort, dass die Luft eine andere Dichte besaß. Es roch nicht nach dem üblichen, dezenten Tannenhauch, sondern nach unterdrücktem Groll und dem metallischen Beigeschmack von Enttäuschung. Vor Freyas (neuer, wunderbar schallisolierter) Tür lag ein Paket. Es war ein Geschenk von Gabriele, einer Frau, die für ihre exzellente Wahl von Geschenkpapieren bekannt war – Papiere, die so haptisch ansprechend waren, dass man sie eigentlich gar nicht entfernen, sondern lediglich lebenslang zärtlich befühlen wollte. Natürlich im Look eines geschmeidigen Leoparden.

Doch das Papier war nicht mehr glatt. Es wies jene hässlichen, halbherzigen Risse auf, die entstehen, wenn jemand – getrieben von einer niederen, fast schon vulgären Neugier – versucht, einen Blick auf den Inhalt zu erhaschen, ohne die Tat vollends zu vollziehen. Es war die Tat eines „Anlupfers“, einer jener Personen, die im Supermarkt auch Weintrauben probieren, ohne sie zu bezahlen, oder bei Krimis zuerst die letzte Seite lesen.

„Oh weh“, murmelte Holger und stellte seine Kaffeetasse ab. Er sah das Elend. Jemand hatte die Klebestreifen mit der Eleganz eines Baggers traktiert. Das Geschenk – ein handgefertigter, winziger Porzellankrug, wie man später erfahren sollte – war sichtbar geworden, noch bevor Freya die Gelegenheit gehabt hatte, die Übergabe rituell zu würdigen.

Auf der Fußleiste klebte bereits ein Zettel. Er war nicht einfach nur geschrieben; die Buchstaben waren mit einer solchen Heftigkeit in das Papier gedrückt worden, dass man sie auf der Rückseite als Relief ertasten konnte.

„DIE NEUGIER IST DAS SCHLÜSSELLOCH DER CHARAKTERLOSEN“, stand dort in serifenloser Strenge.

Holger seufzte. Er wusste, dass Freya Geschenke von Gabriele über alles schätzte. Gabriele gehörte zu jener aussterbenden Gattung Mensch, die beim Einpacken noch echte Stoffbänder verwendet, statt dieser grauenhaften Polypropylen-Kringel, die man mit der Schere zu recht hässlichen Spiralen zieht – eine Tätigkeit, die in ästhetischer Hinsicht knapp über dem Kaugummikauen in der Oper rangiert.

Dass nun ausgerechnet dieses Artefakt der Zuneigung durch fremde Finger entweiht worden war, wog schwer. Es war die Zerstörung des Überraschungsmoments, jener kostbaren Sekunde, in der die Realität noch gegen die Möglichkeit verliert. Durch das kleine Loch im Papier war aus der „unendlichen Möglichkeit eines Geschenks“ ein „profaner Gegenstand aus Keramik“ geworden. Der Zauber war verpufft wie das Aroma eines zu lange offen stehenden Billigparfüms.

Holger kniete sich nieder. Er betrachtete das Paket mit dem Mitleid, das man normalerweise nur für falsch geschriebene Straßenschilder empfindet. Wer war der Täter? Vielleicht der Paketbote, getrieben von einem Moment der geistigen Umnachtung? Oder ein vorbeigehender Nachbar, einer jener Menschen, die alles anfassen müssen, um zu prüfen, ob es auch wirklich existiert?

Hinter der Wichteltür war es totenstill. Keine philosophischen Klopfzeichen, kein Scharren von winzigen Stiefeln. Es war die Stille einer beleidigten Gottheit.

Ein zweiter Zettel erschien, unter der Tür hindurchgeschoben mit der Geschwindigkeit einer Guillotine: „EIN GEÖFFNETES GEHEIMNIS IST NUR NOCH ABFALL. GABRIELES MÜHE – DURCHWÜHLT VON PROLETARIERDAUMEN. ICH ÜBERLEGE ZU EMIGRIEREN. EVENTUELL IN EINEN SCHUHKARTON IM KELLER. DORT IST ES DUNKEL, ABER EHRLICH.“

Holger wusste, er musste handeln. Er konnte die Neugier des Unbekannten nicht ungeschehen machen, aber er konnte die Integrität des Rituals wiederherstellen. Er holte sein feinstes Briefsiegel aus dem Arbeitszimmer, eine Rolle Washi-Tape mit dezentem Goldrand und eine Schere, die so scharf war, dass sie Papier bereits durchschnitt, wenn man es ihr nur streng zeigte.

Mit der Präzision eines Chirurgen, der ein historisches Gemälde restauriert, verschloss er die Risse. Er überklebte die Spuren der Neugier mit kleinen Ornamenten. Er schuf eine neue, noch komplexere Verpackungsschicht, die so aussah, als sei sie schon immer so geplant gewesen. Er fügte eine kleine Schleife hinzu, die so kompliziert geknotet war, dass man ein Diplom in Knotenkunde benötigte, um sie auch nur schief anzusehen.

Dann schrieb er auf einen kleinen Umschlag: „Für Freya. Von Gabriele (und von der Gerechtigkeit rehabilitiert). Der Inhalt wurde durch das Licht der Neugier lediglich kurzzeitig geblendet, aber nicht beschädigt. Die Aura ist wiederhergestellt.“

Er legte das Paket zurück.

Am Abend hörte Holger ein leises, fast zufriedenes Rascheln. Es klang wie das Geräusch von jemandem, der sehr vorsichtig sehr hochwertiges Papier faltet.

Am nächsten Morgen war das Paket verschwunden. An seiner Stelle lag ein winziger Porzellansplitter – ein Zeichen, dass Freya das Geschenk angenommen hatte, aber den Vorfall als mahnendes Beispiel in ihre Chronik des menschlichen Versagens aufnehmen würde. Auf dem Tisch lag jedoch ein neuer Zettel, diesmal in einer fast schon versöhnlichen Kursive:

„Reparatur akzeptiert. Der Krug ist schön. Er fasst genau drei Tropfen Tau und einen halben Gedanken. Dem Anlupfer wünsche ich, dass er künftig nur noch Briefumschläge mit Rechnungen vorfindet, die bereits beim Anschauen von selbst aufreißen. P.S.: Das Washi-Tape war eine gute Wahl. Es schmeichelt dem Auge, ohne sich aufzudrängen.“

Holger lächelte. Er nahm einen Schluck Kaffee und dachte darüber nach, dass das Leben eigentlich nur daraus besteht, die Risse zu flicken, die andere aus purer Langeweile in die Welt reißen. Und solange man genug Goldband im Haus hat, ist die Zivilisation noch nicht ganz verloren.

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