Holger lebt allein, aber nicht einsam, denn seine Wohnung ist bevölkert von Gegenständen mit Charakter. Der Toaster hat die höfliche Angewohnheit, statt zweimal zu springen einmal sehr gut zu springen, der Wasserkocher besitzt die solide Zuversicht eines pensionierten Lokführers, und das Bücherregal trägt die Haltung einer Garderobiere im Theater: leicht vorgebeugt, gespannt, nicht unangenehm kritisch. Holger ist Boomer, sagt er, aber eigentlich ist er Sammler.
Er sammelt neue Sachen, die gar nicht neu sind, sondern bloß von ihm gerade das erste Mal gemerkt werden. Seit Kurzem beobachtet er etwas, das in seiner Jugend nicht vorkam: Wichtel. Früher gab’s Nikolaus, den Weihnachtsmann, das Christkind, Knecht Ruprecht – Figuren mit klarem Aufgabenzuschnitt, so wie in Behörden. Heute kommen Wesen aus dem Norden hinzu, klein an Größe, groß an Anmut. „Eigentlich klasse“, sagt Holger und meint: Sie haben die liebenswürdige Unzuständigkeit, die das Leben erleichtert.
Freya ist eine von ihnen. Vielleicht wohnt sie bei Holger, vielleicht wohnt sie „beinahe“, was für Wichtel ein vollgültiger Mietstatus ist. Holger hat sie nicht gesehen, aber sein Bücherregal hat plötzlich die Marotte, die guten Bücher an den Rand der Aufmerksamkeit zu rücken, als wären sie schüchtern und bräuchten eine Einladung. Und die Lesezeichen wandern um genau eine Seite.
Früher hätte Holger das der eigenen teils mangelnden Konzentration zugeschrieben. Heute weiß er: Freya. Sie liest gern, sagt er, so gern, dass sie den Figuren in den Büchern erst die Schuhe bindet, bevor sie sie zu Kapitel zwölf laufen lässt. Es passiert Holger, dass er nachts aufsteht – wegen zu viel Tee oder wegen nächtlicher Fragen – und dann aus dem Wohnzimmer ein sehr kleines Geräusch hört, das klingt wie ein Komma, das die Hand hebt, weil es etwas sagen möchte. Das ist Freya, denkt Holger, und stellt fest, dass seine Küche seit einigen Tagen eine Spur von Tannenduft besitzt, die er sich nicht erklären kann.
Holgers Kindheit war eine Katalogisierung des Festlichen: Der Nikolaus war zuständig für Milde und Nüsse, der Weihnachtsmann für Pakete mit den großgedruckten Träumen darin, das Christkind für das Leise, Knecht Ruprecht für das Pädagogische. Mit diesen Figuren war die Welt geordnet wie Quittungen in einem Kassenbuch. Die Wichtel hingegen sind nicht die Ordnung, sie sind die Wendung. Sie kommen ohne Vorschriften, dafür mit Notizbüchern in der Größe „Briefmarke mit Ansprüchen“. Freya notiert darin Dinge wie: „Kühlschrank heute freundlich; Clementinen mit Eigenlob“ und „Heizungsrohr summt in D-Dur, wahrscheinlich Adventsmelodien“.
Holger liebt diese Art des Nördlichen. Er hat eine Theorie, warum die Kompassnadeln nach Norden zeigen. Nicht wegen des Magnetismus – das ist die Fachantwort –, sondern wegen der Höflichkeit. Der Norden ist, so Holgers Formulierung, die Richtung, in der die Dinge sich zusammennehmen: klare Luft, klare Kante, klare Gedichte. Die Kompassnadel, ein sehr dünner Charakterkopf, richtet sich dorthin aus, wo kleine Wesen abends die Sterne polieren. „Wenn ich Wichtel wäre, würde ich auch dort wohnen“, sagt Holger und bemerkt dabei, wie angenehm es ist, eine Theorie zu haben, die nicht beweisbar sein muss, um zu stimmen.
Die Vorgeschichte von Freya ist eine Schneeerzählung. Irgendwo zwischen einem Fjord, der im Winter nicht fror, weil er zu beschäftigt war, schön zu sein, und einer Bibliothek, deren Stühle dunkelgrün lackiert und voll von stiller Wichtigkeit waren, lernte Freya die Kunst des Lesens als Fortbewegung. Man macht kleine Schritte durch große Sätze, und jeder Schritt knirscht diskret.
Als dann irgendwo die Stadt, in der Freya aufwuchs, beschloss, die Straßenbeleuchtung auf „freundliche Dämmerung“ umzustellen, setzte sich Freya in einen Karton voll Gedichte und ließ sich mitnehmen. Der Karton war adressiert „An den, der liest, auch wenn er denkt, er ruhe“ – was, wie sich später herausstellte, Holger war. Im Karton lag ein handschriftlicher Zettel: „Achtung: enthält Wärme.“
Freya macht Streiche, aber nur solche, die die Welt ein bisschen verbessern, ohne Eitelkeit. Sie hat die Zuckerdose so arrangiert, dass ein Zimtstern darin Ski fahren könnte, was Holger einmal entdeckte und dann beschloss, es vergangen zu machen, indem er den Deckel wieder schloss. Sie versetzt Lesezeichen um eine Seite nach hinten, damit man den guten Absatz zweimal hat. Sie stellt die Teekanne so, dass ihr Schatten am Nachmittag wie ein kleiner Wal aussieht. „Das beruhigt“, sagt Holger, „Wale sind beruhigend, selbst als Schatten.“
Weihnachten ist für Holger seit Freya kein Termin, sondern ein Zustand. Der erste Advent hat jetzt Geräusche: Die Heizung sagt „Aha“, die Fenster sagen „Na gut“, der Teppich sagt nichts, was man ihm hoch anrechnen muss. Holger findet morgens den Schlüssel dort, wo er ihn zuletzt vermutet hat, und verdächtigt Freya mit einer Kulanz, die er früher nur gegenüber älteren Damen an Käsetheken kannte.
Das Christkind bleibt, der Weihnachtsmann bleibt, Nikolaus und Knecht Ruprecht stehen wie freundliche Figuren im Hof seiner Erinnerung, aber hinzugekommen ist das Wichtelhafte: die Möglichkeit, dass kleine Dinge sinnen. Holger lässt die Möglichkeit gelten. Er ist Boomer genug, um von früher zu erzählen, und wach genug, um das Heute spannend zu finden.
Es gibt Abende, da schreibt Freya ihm ein unsichtbares Memo auf die Innenseite des Schlafs: „Erwarte Wunder, aber sei nicht ungeduldig.“ Holger liest das beim Zähneputzen, obwohl es nirgends steht. Er kennt jetzt den Norden als Stil – eine Art, die Welt ohne Gezeter zu verbessern. Und weshalb die Kompassnadeln dorthin zeigen, ist für ihn geklärt: Der Norden ist das höfliche Leuchten, das Freya im Kleinen ständig veranstaltet. Man richtet sich gerne danach aus, wenn man weiß, wo dieses Leuchten wohnt.
Holger würde sagen: Früher war alles geregelt, heute ist manches geglückt. Das ist eine gute Entwicklung. Wenn man ihn fragt, ob Freya bei ihm wohnt, nickt er nicht, er lächelt. Seit Freya hier „wahrscheinlich“ wohnt, ist „WAHRSCHEINLICH“ groß geschrieben.