Holger begegnete Renate, ohne H, an einem Samstagnachmittag, der so grau war, als hätte das Wetter beschlossen, eine Art Einleitung zu ihrem Wesen zu liefern. Es war im Hausflur eines Mehrfamilienhauses, dessen Geruch aus einem diskreten Gemisch von nasser Fußmatte, Weichspüler und biografischen Kompromissen bestand. Holger hatte dort einen Freund besuchen wollen, der im dritten Stock wohnte und sich neuerdings für Minimalismus begeisterte, also für das Wegwerfen von Dingen, die er bisher für einen Teil seiner Persönlichkeit gehalten hatte. Auf halber Treppe roch es jedoch so entschieden nach frisch gebackenem Streuselkuchen, dass selbst ein entschlossener Minimalist ja sagen musste.
Vor der Tür im ersten Stock stand eine Frau mittleren Alters, die aussah, als sei sie eigens für diesen Flur entworfen worden: eine unauffällige Strickjacke, eine praktische Hose, die leise knisterte, wenn sie sich bewegte, und eine Frisur, die so viele Jahrzehnte überlebt hatte, dass sie bereits wieder als Protest gelten konnte. In den Händen hielt sie ein Blech mit Streuselkuchen, dessen Duft die Tapeten in eine Art freundliche Geiselhaft nahm. „Sie müssen der Holger sein“, sagte sie, bevor er sich überhaupt vorstellen konnte. „Ich bin Renate. Ohne H.“ Sie fügte das „ohne H“ mit einer solchen Routine an, als sei es ihr Familienwappen.
Holger wollte gerade erklären, dass er sein H eher als tragische Konstante denn als Auszeichnung betrachte, da bat sie ihn schon, das Blechr kurz festzuhalten, damit sie den Schlüssel aus der Tasche friemeln konnte. „Ich hab ja schon ein Blech im Ofen“, erklärte sie, während sie zielstrebig in die Wohnung marschierte und ihn, ohne jede Rückfrage, mit einem beiläufigen „Kommen Se ruhig rein“ hinter sich herzog. Holger war zu höflich – oder zu neugierig – um zu widersprechen. Außerdem roch der Flur jetzt eindeutig nach Einladung.
Renates Küche war ein Raum von fast musealer Klarheit. Auf der Fensterbank standen genau drei Topfpflanzen, jede in einem eigenen, farblich abgestimmten Übertopf, und auf der Arbeitsfläche lag nichts herum, das nicht unmittelbar in eine Gebrauchsanweisung gepasst hätte. Es war die Art von Küche, in der man sich schon beim Atmen bemüht, keine Spuren zu hinterlassen. Auf dem Herd aber stand ein zweites Blech Streuselkuchen, golden und ordentlich, als habe jemand eine Fotografie aus einem Dr.-Oetker-Heft in die Realität ausgeschnitten. „Familienstreusel“, sagte Renate stolz. „Die vom Doktor. Auf die schwör’ ich.“
Holger nickte, während er sich vorsichtig auf den nur halb angebotenen Stuhl setzte, wie jemand, der unsicher ist, ob er in einem Möbelhaus oder bei Menschen zu Gast ist. „Backen Sie oft?“, fragte er, obwohl die Antwort sich eigentlich schon in einer Art Streusel-Aura um Renate sammelte. „Streuselkuchen passt immer“, erklärte sie mit der Ruhe einer erfahrenen Krisenmanagerin. „Hochzeit, Beerdigung, Taufe, Wohnungsauflösung – ich sag immer, solang Streusel drauf sind, kann’s nicht ganz schlimm sein.“ Holger dachte an seine eigene emotionale Notfallausrüstung, die aus Rotwein, Kopfschmerztabletten und Streamingdiensten bestand, und erkannte, dass er hier einer fortgeschritteneren Form von Lebensbewältigung begegnete.
„Ist das ein Familienrezept?“, fragte er, mehr aus Respekt vor dem Ritual als aus wirklichem Interesse an Mehlmengen. Renate schnaubte mild empört. „Familienrezept? Quatsch. Das ist vom Doktor.“ Sie deutete auf ein makellos gefaltetes Rezeptheftchen, das an einem Magneten am Kühlschrank hing, als sei es eine amtliche Urkunde. „Man muss das Rad ja nicht neu erfinden. Hauptsache, die Streusel werden ordentlich.“ In diesem Satz lag eine Philosophie, die weit über das Backblech hinausging: Das Wesentliche im Leben ist womöglich die verlässliche Oberfläche, nicht der originelle Abgrund.
Holger beobachtete, wie sie mit einem Tuch einen imaginären Krümel von der Arbeitsplatte wischte. Es war offensichtlich, dass in dieser Küche nichts dauerhafter existieren durfte als die Erinnerung an Sauberkeit. „Sie backen, aber man sieht’s der Küche nicht an“, stellte er fest. „So soll das“, sagte Renate. „Wenn man mitten im Backen schon aussieht wie nach einem Bombenangriff, macht man was falsch. Meine Mutter hat immer gesagt: Eine gute Hausfrau sieht man nicht an der Arbeit, sondern am Ergebnis.“ Holger dachte daran, wie seine eigene Küche bereits nach dem Öffnen einer Tütensuppe wirkte, und fühlte sich plötzlich wie ein sehr schlechter Nebencharakter in einem Haushaltsratgeber.
„Für wen ist der Kuchen?“, fragte er, um dieses kleine Defizit im Stillen mit Interesse zu überdecken. Renate zögerte einen Moment. „Ach, für alle, die ihn brauchen“, sagte sie dann. „Der Nachbar oben im dritten hat sich neulich scheiden lassen, der kann ein Stück vertragen. Die Frau Meyer von nebenan hat nen runden Geburtstag, da leg ich auch was bei. Und für mich bleibt natürlich auch eins. Zum Testen, klar.“ Sie lächelte dezent, so als wisse sie, dass der Begriff „Testen“ hier eine sehr kulinarische Auslegung erfahren durfte. Holger war beeindruckt von der Selbstverständlichkeit, mit der sie ihr Backblech in eine Art soziales Verteilzentrum verwandelte.
„Sie kennen also alle im Haus?“, wunderte er sich. „Mehr oder weniger“, sagte Renate. „Man lernt die Leute kennen, wenn man ihnen Kuchen bringt. Manche machen ja die Tür erst gar nicht richtig auf, weil sie denken, ich will ihnen was verkaufen. Aber wenn sie dann den Streusel sehen, kommt immer so ein kleines ‚Ach‘. So ein Erleichterungs-Ach. Danach sind wir quasi per Du, auch wenn wir uns weiter siezen.“ Holger gefiel diese Form der halbformalen Intimität, in der der Teig näher an den Menschen herankam als ihre Anrede.
Er dachte einen Moment an Chantalle, an ihre Perückensammlung und die Möglichkeit, morgens im Bad eine komplette Tagespersönlichkeit zu wählen. Renate, ohne H, schien das Gegenteil dieses Prinzips zu sein: eine Frau, deren Persönlichkeit sich seit Jahrzehnten kaum verändert hatte, dafür aber in einer bewundernswerten Schärfe ausdefiniert war. Wo Chantalle die Welt mit wechselnden Frisuren beschwatzte, brachte Renate ihr schweigend Streusel. Beides waren Strategien gegen die Zumutungen des Alltags, nur mit unterschiedlicher Krümelgröße.
„Backen Sie auch für sich selbst? Also nur für sich?“, fragte Holger, ein wenig leiser. Renate zog eine Schublade auf, in der die Backformen so akkurat sortiert waren, als seien sie zur Musterung angetreten. „Na klar“, sagte sie. „Der Sonntagsstreusel. Ohne Anlass. Sonst kommt man ja durcheinander und denkt, Kuchen gibt’s nur, wenn was passiert. Dabei ist ‚nichts passiert‘ doch manchmal der schönste Anlass.“ Sie lachte kurz, und Holger fühlte sich ertappt, weil er sein eigenes Leben in Episoden der Dramatik einteilte, während Renate dazwischen einfach konsequent Zucker verteilte.
Als er sich schließlich verabschiedete, drückte sie ihm ein noch warmes Stück auf einer akkurat gefalteten Serviette in die Hand. „Für nachher“, sagte sie. „Oder für jetzt, wenn das Leben’s nötig hat.“ Holger bedankte sich und hielt das Gebäck so ehrfürchtig, als sei es eine kleine essbare Absolution. Im Treppenhaus dachte er daran, wie vielfältig die Methoden seiner Generation waren, mit der allmählichen Dämmerung des eigenen Boomer-Daseins umzugehen: die einen wechselten Identitäten wie andere Socken, die anderen hielten mit Streuseln und Sauberkeit dagegen.
Auf der Straße biss er schließlich in den Kuchen. Die Streusel waren tatsächlich perfekt: knusprig, süß, ohne jede unnötige Exzentrik. Es war ein Gebäck, das keinen Anspruch darauf erhob, die Welt zu verändern, aber still versprach, sie für drei Minuten erträglicher zu machen. Holger blieb stehen, kaute bedächtig und stellte fest, dass es im Leben eigentlich nur sehr wenige Dinge gab, die man nicht wenigstens vorübergehend mit etwas Streusel überdecken konnte. Vielleicht, dachte er, ist das der eigentliche Unterschied zwischen Jugend und Boomerdämmerung: Früher wollte man alles neu denken, heute genügt es manchmal, wenn der Kuchen gelingt.
Er sah zum Balkon im ersten Stock hinauf, hinter dessen Gardine sich kurz eine Gestalt abzeichnete, die man unschwer als Renate ohne H identifizieren konnte. Er hob die Hand mit dem angebissenen Kuchen und nickte ihr zu. Sie nickte zurück, als bestätige sie einen stillschweigenden Vertrag: Er würde weiterhin über die Welt nachdenken, sie würde weiterhin den Teig dafür liefern. Und beides zusammen ergab vielleicht so etwas wie eine Antwort auf die komplizierte Frage, wie man ein Leben führt, das zwar nicht spektakulär, aber immerhin ordentlich gebacken ist.