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Villa People Reloaded - Boomerdämmerung

Village People Reloaded

Holger hatte sich an diesem Tag vorgenommen, „mal wieder durchs Städtchen zu gehen“. So nannte er das, wenn er eigentlich spazieren ging, aber es nicht nach Sport klingen sollte. An diesem Wochenende war er mal wieder im Rurtal zu Besuch. Er nahm den Weg Richtung Altstadt, der sich über die Jahre kaum verändert hatte und doch jedes Mal einen Tick anders wirkte. Die Häuser standen da wie immer, nur die Läden wechselten ihre Meinung darüber, wie sie heißen wollten. Früher waren es „Bäckerei“, „Schreibwaren“, „Metzgerei“. Heute war da „Backkonzept“, „Papeterie“ und irgendetwas mit „Manufaktur“, das sehr entschlossen aussah.

Als Holger auf den Roßtorplatz einbog, bremste er automatisch ein wenig ab. Der Platz war einer dieser Orte, an denen man entweder einfach durchgeht – oder kurz stehen bleibt, weil es nach „hier passiert etwas“ aussieht. An diesem Nachmittag sah es deutlich nach „hier passiert etwas“ aus. Unter dem offenen Bogen, dort wo man hindurch auf die kleine Szene der Altstadt schauen konnte, standen sechs Gestalten in einer Aufstellung, die sehr nach Absicht roch. Nicht nach Zufall, eher nach „wir üben da gleich was“.

Da war eine Badenixe in türkisfarbenem Badeanzug, der mit dem Wetter nur bedingt einverstanden schien, dazu ein Bademantel, der so tat, als würde er reichen. Neben ihr ein Mann, den Holger im Kopf automatisch „Hans-Hermann“ nannte: Sandalen, Socken, ein Hemd, das aussah wie der Standardfarbton für Steuererklärungen, und eine Umhängetasche mit mehreren Fächern. Ein König mit Pappkrone und einem Umhang, der sehr überzeugt von sich war, obwohl er offensichtlich aus normalem Stoff bestand. Ein Postbote in einer gelben Jacke, die schon einiges erlebt haben musste. Eine Domina in schwarzem Lack, mit der Haltung einer Frau, die bei Bedarf auch eine Excel-Liste führen würde. Und ein Engel, weißes Kleid, leichte Flügel, Heiligenschein, der so schief saß, als hätte jemand „wird schon gehen“ gesagt.

Holger blieb stehen, ließ den Schritt auslaufen und schaute. Die sechs schauten zurück, als hätten sie genau mit einem vorbeikommenden Holger gerechnet. Es entstand diese kurze, höfliche Stille, in der die Luft abwartet, wer zuerst etwas sagt. Holger entschied, dass niemandem geholfen sei, wenn man jetzt so tue, als wäre das alles ganz selbstverständlich.

„Na“, sagte er, „heute ist hier aber Programm am Roßtorplatz.“

Die Badenixe trat einen halben Schritt vor, wie Menschen, die schon einmal auf einer kleinen Bühne gestanden hatten. „Wir sind“, sagte sie, „die Wassenberger Antwort auf die Village People.“ Sie ließ das so stehen, als sei es ein offizieller Titel, der im Rathaus schon protokolliert worden war. Holger nickte langsam. „Früher“, sagte er, „hatten wir die ja nur im Fernsehen.“ Die Erinnerung an „YMCA“ in irgendeiner Samstagabendshow war vorhanden, wenn auch ein wenig körnig, wie ein altes Foto. Damals tanzte ein Indianer, ein Polizist, ein Bauarbeiter, ein Soldat, ein Rocker und ein Cowboy, und niemand dachte in Fußnoten.

„Das geht heute nicht mehr“, erklärte die Domina nüchtern, als würde sie eine Richtlinie vorlesen. „Eine indigene Person ist kulturelle Aneignung. Der Rocker ist keine Provokation mehr, Soldaten sind viel zu ernst als Thema, Polizisten nicht queer genug, Bauarbeiter sind wegen des Fachkräftemangels abends einfach fertig, und der Cowboy ist sowieso ein ganzes politisches Seminar.“ Sie sprach das nicht empört aus. Es klang eher nach „status quo“.

Der Engel nickte dazu und suchte kurz Holgers Blick. „Wir wollten niemanden spielen, bei dem alle sofort sagen: Das darf man heute ja nicht mehr. Dann hast du mehr Diskussion als Tanz.“ Der Postbote hob leicht die Schulter, als wollte er hinzufügen: „Und Diskussion ist kein Bühnenprogramm.“

„Also haben wir überlegt“, sagte der König, „was hier sinnvoll ist. In Wassenberg. Am Roßtorplatz. Nicht in New York, nicht im Fernsehen, sondern da, wo wir stehen.“ Er sagte „überlegt“ in dem Ton, den man von Menschen kennt, die beruflich schon einmal an einer Sitzung teilgenommen haben.

Die Badenixe deutete kurz auf sich. „Ich bin unsere neue Bauarbeiterin. Nicht mit Beton, sondern mit Wasser. Thermen, Freibad, Aquagymnastik, das gibt es hier wirklich. Und Wasser ist auch schwer, wenn man nah genug drangeht.“ Sie wirkte sehr überzeugt davon, dass ein gut gefüllter Eimer eine ernstzunehmende Realität darstellt.

„Hans-Hermann“, stellte Hans-Hermann sich selber vor, „ist die Antwort auf den Rocker. Früher hast du mit Lederjacke und Motorrad rebelliert. Heute rebellierst du, indem du sagst: Ich mache nicht jeden Trend mit, aber ich lasse ihn in Ruhe. Ich bin ein moderner Boomer. Mit Kombi.“ Er sagte „Boomer“ ohne sich zu entschuldigen. Holger bemerkte, dass ihm das gefiel.

„Der König“, übernahm der König, „ist unser Ersatz für den Soldaten. Wir wollten die Idee von Macht, ohne echte Waffen. Krone aus Pappe, Umhang vom Stoffmarkt, viel Haltung, wenig Durchschlagskraft. Das zeigt, dass man Verantwortungsgefühle haben kann, ohne in Uniform rumzulaufen.“

„Der Postbote“, sagte der Postbote selbst, „ist unsere neue Ordnungskraft. Er weiß, wer hier wohnt, wer Pakete bekommt, wer seine Briefe noch öffnet. Früher war der Polizist das Gesicht der Ordnung. Heute ist es der, der jeden Tag vor deiner Tür steht, ob du willst oder nicht.“ Er zuckte leicht mit den Mundwinkeln, als wüsste er genau, wie oft er als erster merkt, wenn in einem Haus etwas nicht stimmt.

„Ich“, sagte die Domina, „bin das Gegenteil von Folklore. Lack, Leder, fertig. Hier kommt keiner auf die Idee, das sei irgendeine echte Kultur. Es ist ganz klar eine Rolle. Wenn sich jemand ernsthaft beschwert, habe ich eine Liste mit Büchern, die ich empfehlen kann.“ Man glaubte ihr die Liste sofort, auch ohne sie zu sehen.

„Und ich“, sagte der Engel, „bin so etwas wie der Influencer ohne Rabattcodes. Ich bin das Element Hoffnung, das man immer mit auf die Bühne stellen kann, wenn es sonst zu praktisch wird. Wenn irgendwo in der Ankündigung ‚Engel‘ steht, macht das die Sache leichter.“ Sie lächelte, und für einen Moment wirkte der Roßtorplatz, als hätte er einen etwas helleren Rand.

Holger hörte das alles an und merkte, wie sein Spaziergang sich vom „mal gucken, was los ist“ zum „man kommt aus dem Denken nicht raus“ entwickelte. Früher war ein Stadtrundgang einfach der Weg von A nach B mit einer Bäckerei dazwischen. Heute stand man plötzlich vor Konzeptgruppen am Roßtorplatz. Er hatte sich nicht dafür angemeldet, aber er war offenbar eingeplant.

„Und wo bin ich in dem Ganzen?“ fragte er schließlich. Er sagte es leicht, ohne Anspruch, eher neugierig. Die Frage war ja schon da im Raum.

„Sie“, sagte Hans-Hermann, „sind Holger.“ Er sagte es so, als sei das eine definierte Kategorie. „Holger kommt vorbei, sieht es, versteht es im Groben, lehnt es nicht ab, macht aber auch nicht mit. Holger sagt: Ist nichts für mich, aber bitte sehr. Ohne Holger fehlt uns etwas.“

Die Badenixe nickte eifrig. „Wenn niemand wie Sie vorbeikommt, ist das hier nur eine seltsame Truppe, die am Roßtorplatz rumsteht. Wenn Holger vorbeikommt, wird es Teil der Stadt. Dann ist das nicht nur ein Auftritt, sondern etwas, von dem man später sagen kann: ‚Ja, weiß ich, hab ich gesehen.‘“

„Wir wollten niemanden, der schimpft“, erklärte der Engel. „Wir wollten jemanden, der hinschaut und dann weitergeht, ohne sich aufzuregen. Das ist die moderne Ruhe. Früher hat man sich laut aufgeregt, heute ist es viel wert, wenn jemand einfach sagt: Muss ich nicht mitmachen, aber muss auch keiner lassen.“ Sie sah ihn freundlich an, als prüfe sie, ob er mit dieser Rolle einverstanden war.

Holger überlegte kurz, wie sich das anfühlt, offiziell für die ruhige Zustimmung zuständig zu sein. Seine Standardhaltung war über die Jahre sowieso in diese Richtung gegangen: Das Leben macht Dinge, er schaut hin, sagt „früher war das anders“, und dann lässt er es passieren. Eigentlich hatte sich daran nichts geändert. Offenbar war das jetzt eine Rolle, die man benennen konnte.

Vom anderen Ende des Platzes hörte man plötzlich die ersten, etwas blechernen Takte von „YMCA“. Jemand hatte einen tragbaren Lautsprecher eingeschaltet. Die Melodie lief in den offenen Raum, traf auf Mauer, Figuren und Passanten und sortierte alles ein in „gleich passiert etwas“. Ein paar Leute blieben stehen, zwei Jugendliche drehten sich um, ein Kind zog an der Hand seiner Mutter, um näher dran zu sein.

„Wir müssen dann,“ sagte der König, „mal zeigen, wie das aussieht.“ Die Gruppe rückte sich zurecht, Badenmantel, Krone, Flügel, Jacke, Lack und Beige nahmen eine Formation ein, die ungefähr „Bühne ohne Bühne“ bedeutete. Holger machte einen kleinen Schritt zur Seite, der ausdrückte: Ich gehöre dazu, aber ich bin nicht Teil der Choreografie.

„Ich stelle mich da hinten hin“, sagte er, „ich bin ja anscheinend der Rand.“ Es klang nicht gekränkt, eher praktisch. Der Rand war über die Jahre sowieso sein Lieblingsort geworden: man sieht alles, man muss nichts erklären.

Die Badenixe lachte kurz. „Genau“, sagte sie, „Holger am Rand ist unser Rahmen. Ohne Rahmen ist jedes Bild komisch.“ Das war vielleicht ein bisschen geschmeichelt, aber nicht unangenehm.

Die Musik hatte inzwischen den Punkt erreicht, an dem man normalerweise mit den Armen Buchstaben macht. Die Badenixe hob die Arme zu einem Y, der König formte mühsam ein M, die Domina legte sich präzise zum C, der Postbote wurde zum A, der Engel probierte erst ein Y und entschied sich dann für eine Drehung, und Hans-Hermann machte eine sehr kleine, fast sparsame Bewegung, die man wohlwollend als Beteiligung lesen konnte. Die Leute schauten, einige lachten, niemand wirkte überfordert.

Holger stand am Rand und machte keine Buchstaben. Er stand einfach da, Hände in den Jackentaschen, und sah zu. Es war genau die Art von Teilhabe, die ihm lag: anwesend, interessiert, ohne dass ihm später etwas wehtat. Früher, dachte er, hätte man wahrscheinlich versucht, ihn in die Reihe zu ziehen. Heute ließ man ihn dort, wo er hingehörte, und erklärte ihn zur Rolle. Das war ihm sehr recht.

Das Lied lief durch, einmal komplett. Der Roßtorplatz war für diese drei, vier Minuten eine sehr kleine Version einer sehr großen Idee gewesen. Am Ende verbeugten sich Badenixe, Hans-Hermann, König, Postbote, Domina und Engel, so weit es ihre Kostüme zuließen. Einige Menschen klatschten. Jemand rief „Jawoll, Wassenberg!“, ein Kind versuchte noch einmal das Y mit den Armen, kam aber wieder durcheinander.

Die Badenixe sah zu Holger hinüber und hob die Hand. „So“, sagte sie, „das sind wir. Die Wassenberger Antwort auf die Village People. Village People Reloaded.“ Sie klang zufrieden damit, wie sich das anhörte.

Holger nickte und löste sich langsam vom Rand des Geschehens. „Früher“, dachte er, als er den Platz wieder verließ, „hat man Sachen einfach gemacht und später drüber geredet.“ Heute wurde erst erklärt, dann getan, dann nochmal erklärt – und er war die Person, die das alles ruhig zur Kenntnis nimmt. Er lehnte nichts ab, er musste nur nicht mittanzen. Und vielleicht war genau das die kleine, stille Rolle, die man in einer Zeit voller Reloaded-Versionen dringend braucht.

Wer Holger und seine Badenixen, Könige, Engel & Co. nicht nur lesen, sondern aus echtem Beton in die Welt setzen möchte: Die Figuren auf den Bildern sind die Inspiration für die Geschichten – und Holger selbst ist dort aus Beton entstanden –, im Tat.Ort Wassenberg bei Gabriele Bröcher kann man solche Figuren selbst gestalten oder fertige Charaktere kaufen; mehr dazu auf www.tatort-wassenberg.de.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Thorsten

    „Ein Hemd, das aussah wie der Standardfarbton für Steuererklärungen“ – einfach großartig!

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