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Boomerdämmerung - Thorstens Traum

Der Mann mit der Rettungsweste im Kopf

Holger traf Thorsten an einem Dienstagvormittag im Café „Kleine Auszeit“, das früher „Bäckerei Kruse“ geheißen hatte und inzwischen Hafermilch in drei Temperaturen anbot. Holger begrüßte solche Veränderungen grundsätzlich. Nicht, weil er sie immer verstand, aber weil er inzwischen begriffen hatte, dass Verständnis überschätzt wurde. Man musste nicht alles verstehen. Man musste nur nicht sofort die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn ein Croissant plötzlich „Buttergebäck französischer Art“ hieß und sechs Euro kostete.

Thorsten saß bereits am Fenster. Er hatte sich so hingesetzt, dass man sein Profil sah. Das war bei Thorsten kein Zufall. Thorsten war ein Mensch, der selten etwas dem Zufall überließ, außer seine Frisur. Die überließ er morgens offenbar dem Windschatten seines Kopfkissens. „Holger!“, rief er und hob einen Arm. Holger ging zu ihm hinüber und bemerkte sofort, dass Thorsten ein neues T-Shirt trug: rot, eng geschnitten, mit einem weißen Aufdruck auf der Brust: LIFEGUARD – BAYWATCH DIVISION.

„Aha“, sagte Holger und setzte sich. „Bist du jetzt bei der DLRG?“ Thorsten lächelte bescheiden, wie Menschen lächeln, die auf eine Frage gewartet haben. „Noch nicht offiziell. Aber ich informiere mich.“ Holger nickte. „Das ist gut. Information ist im Rettungswesen sicher nicht verkehrt. Vor allem, wenn das Wasser überraschend nass wird.“ Thorsten lachte kurz, aber sein Lachen kam ein wenig zu spät. Es wirkte wie ein Bus, der wegen einer Baustelle umgeleitet worden war.

Er bestellte einen doppelten Espresso, obwohl er Kaffee eigentlich nicht vertrug. Holger kannte das. Thorsten vertrug erstaunlich vieles nicht: Milch, Gluten, Kritik, Zugluft, Wespen, Hotels mit Teppichboden und insbesondere Wasser. Wasser fand Thorsten unangenehm. Nicht einfach gefährlich, das wäre ja noch etwas anderes gewesen. Wasser war für ihn unangenehm wie ein Bekannter, der einem im Treppenhaus erzählte, dass er jetzt Heilsteine verkaufte.

„Es ist überall“, hatte Thorsten einmal bei einem Spaziergang am See gesagt. „In Seen, in Flüssen, in der Luft. Sogar im Menschen. Das kann doch nicht gesund sein.“ Holger hatte darauf nichts erwidert. Manche Sätze waren wie ein nasser Hund im Wohnzimmer: Man musste nicht mit ihm diskutieren. Man musste nur abwarten, bis er irgendwann von selbst wieder hinauslief. Heute allerdings schien Thorsten in besonderer Verfassung zu sein.

„Ich habe da einen Kurs gefunden“, sagte er. „Rettungsschwimmer Bronze.“ Holger hob die Augenbrauen. „Bronze ist doch schön. Silber wäre auch gut. Gold vielleicht etwas zu ambitioniert, wenn du schon beim Gedanken an eine Badewanne nach einem Fluchtweg suchst.“ Thorsten legte die Hände flach auf den Tisch. „Ich habe keine Angst vor Wasser.“ Holger sah ihn an. „Du hast neulich eine Flasche Mineralwasser geöffnet und bist zurückgezuckt, weil sie gezischt hat.“

„Das war Kohlensäure“, sagte Thorsten. „Das ist etwas völlig anderes.“ „Natürlich“, sagte Holger. „Kohlensäure ist Wasser mit Aggressionen.“ Thorsten schob seine Tasse zur Seite und beugte sich vor. „Es geht auch um Haltung, Holger. Wenn jemand ertrinkt, dann kann man nicht einfach danebenstehen.“ Holger nickte. Das war ein Satz, gegen den sich schwer etwas sagen ließ. Draußen fuhr ein junger Mann auf einem elektrischen Einrad an einem Lieferwagen vorbei, als sei er auf dem Weg zu einer Sitzung des Zukunftsrats.

„Nein“, sagte Holger. „Danebenstehen sollte man nicht.“ Thorsten schien erleichtert. „Eben. Und ich glaube, ich hätte das Zeug dazu.“ In diesem Moment sah Holger Thorsten nicht mehr im Café sitzen, sondern in dessen innerem Kino. Dort stand Thorsten am Rand eines sonnenüberfluteten Strandes. Sein Brustkorb war breiter als im wirklichen Leben, sein Bauch flacher, seine Haare dichter und vom Salzwasser exakt so zerzaust, wie Haare nur bei Menschen zerzaust sein konnten, die für eine Shampoo-Werbung bezahlt wurden.

Er trug rote Shorts. Um seinen Hals hing eine Trillerpfeife. Seine Bauchmuskeln zeichneten sich so deutlich ab, dass man auf ihnen vermutlich eine Wanderkarte hätte drucken können. Im inneren Bild besaß Thorsten mehr Sixpacks als die Tankstelle an der Bundesstraße in ihrer gesamten Getränkekühlung. Frauen in unterschiedlich dramatischen Badeanzügen winkten aus der Brandung. Irgendjemand rief seinen Namen. Nicht „Thorsten“, denn das klang in solchen Momenten immer ein wenig nach einem Mann, der eine Excel-Tabelle schloss. Vielleicht „Torn“. Oder nur „T.“ wie eine Naturgewalt mit Handtuch.

Dann sprang er ins Meer. Im inneren Film war das Meer türkis und warm und benahm sich. Es machte keine Wellen, die in die Badehose liefen. Es hatte keine Fische, keine Algen, keine schleimigen Steine und keine überraschenden Strömungen. Es war im Grunde ein großer, sauberer Teppich mit Wasseroberfläche. Thorsten kraulte elegant einer schönen Unbekannten entgegen, hielt sie souverän über Wasser und sagte etwas Beruhigendes, vermutlich auf Englisch.

Boomerdämmerung - kleine Auszeit
Boomerdämmerung – kleine Auszeit

In der Realität saß Thorsten vor Holger und zog die Schultern ein, als eine Kellnerin mit einem Tablett voller Gläser an ihm vorbeiging. „Ich war mal fast ertrunken“, sagte er. „Ach“, sagte Holger. „Im Schwimmbad. Im Nichtschwimmerbecken.“ Holger wartete. „Ich war sieben“, ergänzte Thorsten. „Und es war ziemlich voll.“ „Wie tief?“ Thorsten sah kurz zur Seite. „Ungefähr achtzig Zentimeter.“ Holger nickte langsam. „Ja. Das ist eine Tiefe, die man nicht unterschätzen darf. Vor allem, wenn man sich hinsetzt.“

Thorsten verzog den Mund. „Es war trotzdem traumatisch.“ Das meinte er ernst. Und Holger wusste, dass man über ernst gemeinte Ängste nicht lachen sollte. Oder wenigstens nicht sofort. Er hatte selbst genug davon: Angst, im falschen Moment etwas Falsches zu sagen; Angst, dass die Welt eines Tages nur noch aus Passwörtern bestand, die man sich nicht merken konnte; Angst, dass irgendwo eine App auf ihn wartete, die ihm erklärte, wie man eine Banane schälte.

Aber Angst war kein Urteil über einen Menschen. Sie war eher eine Art schlecht bezahlter Hausmeister im Kopf. Einer, der ständig Schilder aufstellte: Vorsicht! Rutschgefahr! Nicht betreten! Lebensgefahr! Und manchmal musste man diesen Hausmeister freundlich, aber bestimmt bitten, jetzt einmal kurz die Klappe zu halten. Holger wollte Thorsten nicht sagen, dass sein Bild von sich selbst lächerlich war. Erstens war es das nicht ganz. Und zweitens waren Menschen mit lächerlichen Selbstbildern oft empfindlicher als Menschen ohne Selbstbild.

Thorsten wollte ja nicht wirklich aussehen wie ein Rettungsschwimmer aus einer amerikanischen Fernsehserie. Er wollte nur, dass es irgendwo eine Situation gab, in der jemand sagte: „Gut, dass du da bist, Thorsten.“ Das war, fand Holger, ein durchaus verständlicher Wunsch. Ein bisschen überzogen vielleicht, wie eine Wohnzimmer-Couch mit achtundzwanzig Kissen. Aber verständlich. Jeder Mensch hatte schließlich eine Version von sich im Kopf, die besser frisiert, mutiger und in Gesprächen schneller war als die Person, die morgens im Bad sich selbst gegenüber stand.

Holger beschloss deshalb, Thorsten nicht zu entzaubern. Zumindest nicht mit einem Vorschlaghammer. Man musste Illusionen manchmal nicht zerstören, sondern nur in eine Form bringen, in der sie durch die Tür passten. Thorsten sollte Rettungsschwimmer werden dürfen. Er sollte nur möglichst kein Mensch werden, der bei einem echten Notfall erst seine Bauchmuskeln sortierte, bevor er Hilfe holte. „Was genau stellst du dir denn vor?“, fragte Holger.

Thorsten lehnte sich zurück und nahm diese Haltung ein, bei der seine Schultern nach hinten gingen und sein Brustkorb versuchte, den Raum zu betreten, bevor der Rest von ihm nachkam. „Na ja“, sagte er. „Man sitzt am Strand. Man beobachtet das Wasser. Und dann gerät plötzlich jemand in Schwierigkeiten.“ Holger sah ihn an. „Eine Frau?“ Thorsten hob die Augenbrauen. „Warum unbedingt eine Frau?“ „Weil du das Wort jemand gerade ausgesprochen hast, als würdest du ein Parfum bewerben.“

Thorsten räusperte sich. „Kann ja sein. Also, eine Person. Und dann springt man rein. Ohne zu zögern.“ „Und du schwimmst hin.“ „Natürlich.“ „Auch, wenn die Person panisch um sich schlägt?“ Thorsten hielt inne. „Dann beruhigt man sie.“ Holger nickte. „Wie?“ „Mit ruhiger Stimme.“ Holger nahm einen Schluck Kaffee. „Das ist gut. Du schwimmst also mit dem Gesicht im Wasser zu einer ertrinkenden Person, die dich unter Umständen unter Wasser drückt, und sagst dann: Entschuldigen Sie bitte, könnten wir hier einmal kurz sachlich bleiben?“

Thorsten warf ihm einen Blick zu, der nicht beleidigt war, aber schon einmal seinen Mantel aus dem Schrank holte. „Ich will dich nicht ärgern“, sagte Holger. „Ich frage nur, ob du vielleicht zuerst lernen solltest, was man in echt macht. Nicht in deinem Film.“ Thorsten schwieg. Draußen fuhr ein Bus vorbei, auf dessen Seite für eine Zahnzusatzversicherung geworben wurde. Eine Frau lächelte dort so zufrieden, als hätte sie gerade erfahren, dass alle ihre Backenzähne in den Himmel kamen.

„Was heißt denn: in echt?“, fragte Thorsten schließlich. „In echt heißt vielleicht“, sagte Holger, „dass du nicht sofort ins Wasser springst. In echt heißt: Hilfe rufen, einen Rettungsring werfen, die Lage einschätzen. Vielleicht rettest du jemanden, indem du eben nicht heldenhaft hinterherhechtest.“ Thorsten verzog das Gesicht. „Das klingt nicht besonders spektakulär.“ „Eine erfolgreiche Rettung ist selten spektakulär“, sagte Holger. „Das ist ja das Schöne daran. Niemand muss danach einen Kinotrailer schneiden.“

Thorsten nahm einen Schluck von seinem Espresso und verzog das Gesicht. Er mochte ihn nicht. Aber er trank ihn trotzdem, weil er fand, ein doppelter Espresso gehöre zu Männern, die dem Leben mit Ernsthaftigkeit begegneten. Holger kannte diese Sorte Mut. Sie war nicht wertlos. Sie brauchte nur gelegentlich einen anderen Einsatzort. „Wir könnten mal zum Schwimmbad gehen“, sagte er. „Nicht zum Kurs. Einfach nur schauen.“

„Schauen?“ „Ja. Du siehst dir an, wie Rettungsschwimmer arbeiten. Vielleicht fragst du jemanden, was dazugehört.“ Thorsten setzte sich aufrechter hin. „Das kann ich machen.“ „Und dann schwimmst du vielleicht eine Bahn.“ „Eine Bahn?“ „Im Nichtschwimmerbecken, wenn es dir lieber ist.“ „Ich kann schwimmen.“ „Dann im Schwimmerbecken.“ Thorsten nickte, aber sein Blick wanderte zu seinem T-Shirt. LIFEGUARD – BAYWATCH DIVISION stand dort, als hätte es sich plötzlich selbst ein wenig geschämt.

Holger legte ihm eine Hand auf den Unterarm. Nicht väterlich. Eher so, wie man eine Fernbedienung festhielt, bevor sie hinter das Sofa rutschte. „Thorsten“, sagte er, „es ist doch keine Schande, etwas erst lernen zu müssen. Im Gegenteil. Die meisten Menschen können nicht retten. Die können noch nicht einmal zugeben, dass sie keine Ahnung haben. Du willst wenigstens mehr können, als du heute kannst. Das ist schon ziemlich viel.“

Thorsten schaute ihn an. Sein Gesicht wurde weich. Für einen Moment sah Holger nicht den Mann mit dem imaginären Sixpack, nicht den Bademeister der inneren Südsee und nicht den zukünftigen Retter halb Europas. Er sah einfach Thorsten: schmalbrüstig, etwas verkrampft, mit Angst vor Wasser und der Hoffnung, trotzdem einmal der Richtige zu sein. „Meinst du wirklich?“, fragte Thorsten. „Ja“, sagte Holger. „Aber die roten Shorts müssen warten.“

„Ich hatte eher an grün gedacht“, sagte Thorsten. Holger lächelte. „Siehst du, das ist schon dein erster verantwortungsvoller Schritt.“ Draußen begann es zu regnen. Erst ein paar Tropfen, dann mehr. Thorsten sah zum Fenster und rückte unmerklich vom Glas weg. Holger nahm seinen Mantel. „Komm“, sagte er. „Wir gehen zum Schwimmbad und schauen uns das mal an.“ Thorsten atmete tief ein, zog sein T-Shirt glatt und stand auf.

Dann gingen sie hinaus. Der Regen fiel auf ihre Köpfe, auf die Autos, auf die neuen E-Scooter am Straßenrand und auf die alte Stadt, die sich ohnehin nie ganz entscheiden konnte, ob sie modern sein wollte. Holger mochte sie genau deshalb. Neben ihm lief Thorsten, ein Mann mit Angst vor Wasser, mit einem Rettungsschwimmer in der Fantasie und einem kleinen, zitternden Rest Mut in der Brust. Manchmal, dachte Holger, musste das fürs Erste reichen.

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