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Chantalle

Boomer, Beauty, Bürgersteig

Holger hatte sich vorgenommen, an diesem Tag nichts zu lernen. Er war in einem Alter, in dem man Fortbildung zunehmend mit Zumutung verwechselt, und die Welt hatte ja nun wirklich genug an ihm herumoptimiert. Also saß er im Café „Latte Lauwarm“ – einem jener Läden, in denen der Cappuccino grundsätzlich nach zwei Minuten seine Schaumkrone verliert, aber dafür „urban“ ist – und starrte auf sein Smartphone, als sei es eine Mischung aus Wetterbericht, Beichtstuhl und Feind.

Gerade las er zum dritten Mal denselben Artikel über „digitale Resilienz bei Best Agern“, ohne einen einzigen Satz bis zum Ende zu verstehen, als sich ein Schatten über seinen Tisch legte. Ein Schatten mit sehr langen Wimpern.

„Ist hier frei?“, fragte eine Stimme, die klang, als hätte jemand Vanillepudding in ein Bluetooth-Headset gegossen.

Holger blickte auf. Vor ihm stand eine junge Frau, deren Gesicht im Wesentlichen aus Lippen bestand – oben Lippenstift, unten Gloss, dazwischen der unbeirrbare Wille, aus jedem Selfie eine Art Bewerbung für eine Reality-Show zu machen. Über ihrem T-Shirt, auf dem in pastellrosa „Selflove“ stand, hing jene Art von Jacke, deren Futter wahrscheinlich mehr Polyester enthielt als Holgers komplette Kinderzimmerausstattung anno 1978.

„Bitte“, sagte Holger, denn gegen Menschen, die nur sitzen wollten, hatte er prinzipiell nichts. Die Probleme begannen erfahrungsgemäß erst, wenn sie auch reden wollten.

Sie setzte sich ihm gegenüber, legte ihr Smartphone so auf den Tisch, als sei es entweder ein sehr zerbrechlicher Schmetterling oder ein sehr kleiner Gott, und musterte ihn.

„Du bist voll retro“, sagte sie nach einer kurzen, aber für Holger bereits anstrengenden Pause.

Holger blinzelte. „Inwiefern?“

„Na, du liest sowas.“ Sie deutete auf sein Smartphone, als sei dort ein Faxgerät installiert. „Artikel. Mit Buchstaben und so.“

„Das nennt man Text“, sagte Holger. „Kommt von Textur. Wie Stoff. Nur aus Wörtern.“

„Ah“, sagte sie. „Voll deep.“

Holger nickte abwartend. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass „voll deep“ meist dort auftauchte, wo gerade der intellektuelle Bodensatz erreicht war.

„Ich bin übrigens Chantalle“, sagte sie. „Mit ‚Ch‘ vorne, nicht mit ‚Sch‘, wie die Leute immer sagen. Also, die Leute von früher.“

„Holger“, sagte Holger. „Mit H. Wie…“

Er suchte nach einem Wort, das nicht „Hämorrhoiden“ war, fand aber auf die Schnelle keins. Also ließ er es.

„Wie alt bist du, Holger?“, fragte sie, als wäre das eine harmlose Frage.

„Ich bin in einem Alter, in dem man sein Alter nicht mehr unaufgefordert sagt“, erwiderte Holger. „Zwischen Walkman und Bandscheibenvorfall.“

„Cute“, sagte sie. „Mein Papa ist auch so. Also alt. Aber er ist nicht so…“ Sie machte eine kreisende Handbewegung, als umrisse sie eine schwer zu definierende Wolke. „…so analog.“

Holger überlegte, ob er beleidigt sein wollte, entschied sich aber, zunächst mehr über die Natur dieses Analogvorwurfs zu erfahren.

„Was genau ist denn analog an mir?“, fragte er.

„Na, du guckst so“, sagte sie. „So nachdenklich. Mein Papa guckt nur so, wenn er seine Steuer macht. Oder wenn Wetten, dass..? wiederkommt.“

„Ich denke nach, weil ich versuche zu verstehen, was du sagst“, erklärte Holger. „Das ist ein Prozess, der mit dem Alter etwas Zeit in Anspruch nimmt.“

„Ich bin mehr so intuitiv“, sagte Chantalle. „Ich spür’ Sachen einfach. Also nicht so Fakten, sondern so… Vibes.“

Sie sah ihn ernst an, als hätte sie gerade etwas sehr Wissenschaftliches erklärt.

„Aha“, sagte Holger. „Und was spürst du gerade?“

„Du bist innerlich voll laut“, sagte sie. „So bumm-bumm-bumm.“ Sie tippte sich an die Stirn. „Dein Kopf denkt die ganze Zeit so krasse Sachen. Aber dein Gesicht macht…“ Sie setzte eine sehr überzeugende Holger-Miene auf: leicht skeptische Augenbrauen, dünn zusammengepresste Lippen, der Blick eines Mannes, der sich nicht sicher ist, ob die Milch im Kühlschrank noch gut ist.

Widerruf aller Vorurteile, dachte Holger. Ganz so dümmlich ist sie nicht.

„Und du?“, fragte er. „Was denkt dein Kopf so?“

„Mein Kopf denkt eigentlich nicht“, sagte sie fröhlich. „Der fühlt mehr.“

„Und was fühlt er zum Beispiel, wenn er die Nachrichten anschaut?“

„Ich guck keine Nachrichten“, sagte Chantalle, ohne den geringsten Anflug von Scham. „Das ist schlecht für die Skin. Ich hab mal gelesen, Stress macht Falten.“

Holger stellte sich vor, wie seine Großmutter – die noch im Krieg den Bombenhagel mit einer Mischung aus Kartoffelschälen und Rosenkranzbeten überstanden hatte – auf diese Aussage reagiert hätte. Vermutlich hätte sie „Ach du liebes Bisschen“ gesagt und Chantalle anschließend mit einem Kartoffelschäler in die Realität zurückgeholt.

„Und wie erfährst du, was in der Welt passiert?“, fragte er.

„Also, wenn’s wichtig ist, kommt’s eh auf Insta“, sagte sie. „Zum Beispiel Krieg oder so. Da machen dann alle so schwarz-weiße Bilder und schreiben ‚Pray for irgendwas‘. Oder so bunte Flaggen, wenn jemand gecancelt wird.“

„Du meinst: wenn jemand kritisiert wird?“, hakte Holger nach.

„Nein, gecancelt“, wiederholte sie. „Kritisiert ist, wenn meine Mutter sagt, ich soll mehr Gemüse essen. Gecancelt ist, wenn du nie wieder irgendwo auftauchst. Also außer in so Cringe-Memes.“

Holger dachte an all die Leute seines Jahrgangs, die nie irgendwo aufgetaucht waren, weder vorher noch nachher, und fragte sich, ob sie dann schon immer gecancelt gewesen waren oder ob man dafür früher noch einen anderen Ausdruck hatte. „Vergessen“ zum Beispiel.

„Und was machst du beruflich?“, fragte er, mehr aus anthropologischem Interesse.

„Ich bin Content-Creatorin“, sagte Chantalle. „Also, fast. Ich wachse noch.“

Holger unterdrückte den Reflex zu fragen, ob sie das körperlich oder in der Followerzahl meinte.

„Was für Content machst du denn?“, fragte er stattdessen.

„Ich teste Sachen“, sagte sie. „Zum Beispiel Smoothies. Oder Lippenstifte. Oder solche Motivationssprüche.“

„Motivationssprüche?“, wiederholte Holger.

„Ja, so ‚Sei du selbst, alle anderen gibt es schon‘ und so.“ Sie strahlte. „Sowas inspiriert voll viele.“

„Mich macht es eher müde“, murmelte Holger.

„Dann bist du der Typ ‚tough love‘“, stellte Chantalle fest. „Mein Coach sagt, es gibt so verschiedene Menschentypen. Die einen brauchen Affirmationen, die anderen brauchen so… Realness.“

„Und was brauchst du?“, fragte Holger.

„Ich brauche Likes“, sagte sie ohne zu zögern. „Ohne Likes bist du so…“ Sie suchte nach einem Bild. „Wie so ein Laden, in dem keiner ist. Wie heißt das…?“

„Buchhandlung“, schlug Holger vor.

Sie dachte kurz nach. „Stimmt, da war ich mal, als ich kleiner war. Mit der Schule.“

Holger spürte, wie etwas in ihm elegant zerbröselte, wie ein Butterkeks, auf den jemand mit einem Sneaker getreten ist.

Eine Weile schwiegen sie. Chantalle scrollte durch ihr Handy, Holger beobachtete sie dabei, wie man eine exotische Tierart beobachtet, von der man nicht sicher ist, ob sie gefährlich, bedroht oder nur sehr laut ist.

Plötzlich hielt sie inne.

„Holger“, sagte sie. „Kann ich dich was fragen?“

„Du tust es ja schon“, antwortete er.

„Findest du mich schön? Also so objektiv?“

Holger sah sie an. Sie war zweifellos attraktiv in einem Hochglanzkatalog-Sinn: symmetrisches Gesicht, sorgfältig kuratierte Haare, Zähne, die aussahen, als gehörten sie zu einem besseren Menschen. Aber das Problem mit der Frage war nicht ihr Aussehen, sondern das Wort „objektiv“. Er war alt genug, um zu wissen, dass Schönheit ungefähr so objektiv ist wie eine Playlist.

„Du siehst aus wie jemand, der sehr viel dafür tut, schön zu sein“, sagte er vorsichtig.

„Das heißt ja“, übersetzte sie. „Nice.“

„Und was ist, wenn du mal keine Lust mehr hast, so viel dafür zu tun?“, fragte Holger. „Wenn du einfach nur… bist?“

Chantalle runzelte die Stirn. Es war vermutlich das anspruchsvollste Gesichtsmuskeltraining dieses Tages.

„Wieso sollte ich keine Lust haben?“, fragte sie. „Schön sein ist mein Ding. Andere können Mathe oder so. Ich kann… mich.“

Holger nickte langsam. In gewisser Weise war das sogar stringent. Früher nannte man das „Eitelkeit“, heute hieß es „Personal Brand“.

„Weißt du“, sagte er, „als ich so alt war wie du, wollte ich unbedingt für irgendwas bewundert werden, das man nicht gleich sieht. Schreiben, denken, sowas. Heute fände ich es ganz schön, wenn man mich einfach mal dafür bewundern würde, dass ich rechtzeitig zum Zahnarzt gehe.“

Chantalle lachte. „Du bist voll lustig, Holger. Du bist so… Boomermäßig, aber auf cute.“

„Boomerdämmerung“, sagte Holger leise. „So heißt mein persönliches Epos.“

„Das klingt wie so ein Netflix-Ding“, meinte sie. „Würde ich schauen. Wenn’s nicht zu lang ist.“

Sie stand auf, griff nach ihrem Handy und schob sich die Haare aus dem Gesicht, als müsse sie für einen unsichtbaren Regisseur „bereit“ signalisieren.

„Ich muss los“, sagte sie. „Ich hab gleich ein Live. Thema: ‚Sei die beste Version von dir selbst‘.“

„Und welche Version bist du heute?“, fragte Holger.

Sie dachte kurz nach und lächelte dann strahlend.

„Die mit gutem Licht“, sagte sie und war schon auf dem Weg zur Tür.

Holger blieb zurück mit seinem lauwarmen Kaffee, seinem Smartphone und dem leisen Gefühl, soeben einem sehr freundlichen, sehr dekorativen, aber völlig anders kalibrierten Menschen begegnet zu sein. Er öffnete den Artikel über „digitale Resilienz bei Best Agern“ erneut, schloss ihn nach dem ersten Satz wieder und legte das Telefon zur Seite.

Vielleicht, dachte er, braucht man gar keine digitale Resilienz. Vielleicht reicht es, wenn man es aushält, dass die Welt inzwischen auch von Menschen bevölkert wird, die Schönheit für einen Beruf halten und Nachrichten für Hautpflege-Risiko.

Er sah zum Fenster hinaus, wo Chantalle gerade auf dem Bürgersteig stehenblieb, das Handy hochhielt und sich selbst in die Kamera anlächelte. Für einen Moment wirkte sie völlig glücklich. Holger nickte ihr, obwohl sie es nicht sehen konnte, fast ein wenig anerkennend zu.

Dann bestellte er sich noch einen Cappuccino. Diesmal mit extra Schaum. Man wird ja wohl noch ein bisschen Eitelkeit haben dürfen.

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