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Chantalle Verde

Identität zum Aufsetzen

Holger begegnete Chantalle zum zweiten Mal in einer Umgebung, die wie eigens für sie erfunden schien: einer Kunsthandwerk-Ausstellung mit dem bezeichnenden Untertitel „Betonträume und andere Zumutungen“. Zwischen Vasen, die aussahen, als hätten sie eine mittelschwere Beziehungskrise mit dem Töpferofen hinter sich, und Skulpturen, die vermutlich etwas mit „Vergänglichkeit“ ausdrücken sollten, stand sie plötzlich vor ihm. Das Haar nun in einem unverschämten Grün, das an eine Mischung aus Wiese, Textmarker und schlecht gelaunter Kiwi erinnerte. „Chantalle verde“, sagte sie zur Begrüßung, als präsentiere sie eine neue Eis-Sorte. Holger stellte fest, dass er gar nicht mal sonderlich erstaunt war. In seinem Alter überrascht einen wenig, am wenigsten die Menschen, die man schon kennt.

Er fragte nicht, warum sie jetzt aussah wie die humanistische Ausgabe eines Leuchtstifts, denn er wusste inzwischen, dass Gesprächsanlässe bei Chantalle grundsätzlich in ihr selbst lagen und keiner äußeren Anregung bedurften. Also nickte er nur, wie man nickt, wenn man beim Zahnarzt zum dritten Mal versichert, dass man wirklich „gleich Druck“ spürt. „Krass, dass wir uns wiedersehen“, sagte sie und strahlte ihn an. „Das Universum hat voll Humor.“ Holger dachte kurz darüber nach, ob das Universum nicht vielleicht etwas Wichtigeres zu tun hätte, ließ den Gedanken dann aber fallen, weil er in Gegenwart von grünem Kunsthaar ohnehin chancenlos war.

Sie beugte sich ein wenig vor, und Holger bemerkte, dass das Grün ihrer Perücke sich im Glas eines danebenstehenden Bilderrahmens spiegelte, als wolle es sich selbst noch einmal versichern, dass es wirklich existierte. „Die Perücke ist eigentlich voll der Zufall“, erklärte sie. „War nur für so einen Motto-Abend, weißt du, ‚Crazy Color Night‘ und so. Aber dann hab ich gecheckt, dass du mit einer Perücke und der passenden Kleidung komplett ein neuer Typ bist. Nicht nur so von außen, sondern so… overall.“ Sie machte eine großzügige Kreisbewegung mit der Hand, die ungefähr von ihrem Scheitel bis knapp über Kniehöhe reichte und dabei eine Keramikschale nur knapp verfehlte. Holger wich einen halben Schritt zurück, denn seine Haftpflichtversicherung war durch die Inflation schon genug strapaziert.

„Du meinst, du kannst deine Persönlichkeit wechseln wie andere das Hemd“, sagte Holger, der sich nicht sicher war, ob ihn dieser Gedanke mehr beunruhigte oder faszinierte. „Ja, exakt!“, rief Chantalle begeistert, als hätte er gerade in einem Spiel ihre Lieblingsantwort angeklickt. „Das Geile ist: Man kann seine Persönlichkeit ändern, ohne dabei neu denken zu müssen. Einfach nur so von der Vibe her.“ Dass dieser Satz in einer Art logischer Kurzschlussreaktion genau das Wesen von Chantalle abbildete, entging natürlich vor allem ihr selbst. Holger hingegen fühlte, wie ihm seine mühsam erarbeiteten Selbstbilder – der reflektierte Mann, der sich durch Bücher und Gespräche verändert – für einen Moment wie überflüssige Verpackung vorkamen.

„Früher“, fuhr sie fort, „bin ich morgens aufgewacht und hab mich gefragt: ‚Wie geht’s mir heute?‘ Und dann musste ich so voll reindenken, weißt du? So: Habe ich genug geschlafen, bin ich gestresst, was sagen meine Chakren und so. Voll anstrengend.“ Sie verzog kurz das Gesicht, als koste allein die Erinnerung daran Energie. „Und jetzt? Jetzt stelle ich mir dieselbe Frage, guck in meinen Perückenschrank und entscheide einfach, wie es mir heute gehen soll. Ohne das ganze Mindfuck-Ding.“ Sie lachte hell, und Holger stellte fest, dass das Konzept „authentische Gefühlslage“ hier gerade von einem haarigen Accessoire abgelöst worden war.

Im Laufe der Zeit nach ihrem letzten Treffen mit Holger, erzählte sie, habe sie einige Perücken und damit eine ganze Schar von Persönlichkeiten zusammengetragen. „Ich hab so ein richtiges Squad im Schrank“, erklärte sie stolz. „Da gibt’s die mit dem langweiligen Bob – das ist mein graues Mäuschen, wenn ich mal keinen Bock auf Mittelpunkt hab. Dann hab ich was Punkiges, mit so pinken Strähnen, wenn ich auf ‚Rebellin gegen alles außer WLAN-Ausfall‘ machen will. Und noch so eine glatte, dunkle – das ist die Lady. Plus eine mit so krassen Wellen, das ist Vamp-Modus, wenn ich will, dass alle denken, ich hab Geheimnisse.“ Holger nickte, obwohl er sich innerlich fragte, was wohl Charlottes Brontës „Jane Eyre“ dazu gesagt hätte.

„Weil ich jetzt alle Seiten in mir ausleben kann, bin ich voll gelassen geworden“, fasste Chantalle zusammen. „Früher war ich immer so: ‚Oh mein Gott, wer bin ich?‘ Und jetzt bin ich halt die, die ich gerade aufsetze.“ Sie tippte sich an den künstlichen Pony, der leicht verrutschte und ihr kurz über ein Auge fiel. „Identity, aber easy.“ Holger war beeindruckt von der Sorglosigkeit, mit der sie Koordinaten verschob, die seiner Generation noch als eher schwer verlegbare Tragpfeiler gegolten hatten. Bei ihnen musste man, um ein „anderer Mensch“ zu werden, immerhin eine Krise haben, ein Tagebuch führen und mindestens drei Mal den Wohnort wechseln.

„Neidisch, Holger?“, fragte sie plötzlich und lächelte so spitzbübisch, wie es ein Gesicht mit so viel Schmollmund überhaupt zuließ. Holger wollte reflexhaft widersprechen, merkte aber, dass der Widerspruch länger brauchte als sonst. „Vielleicht ein bisschen“, gab er schließlich zu. „Bei uns war das komplizierter. Wenn wir jemand anders sein wollten, mussten wir jahrelang an uns rumdenken. Heute geht man offenbar einfach in den Perückenshop.“ Er hörte sich selbst zu und stellte fest, dass seine Stimme diesen leicht rostigen Ton angenommen hatte, den er sonst nur von alten Gartentoren kannte.

„Aber du kannst doch auch“, meinte sie sorglos. „Es gibt doch auch Männerperücken. Oder so Mützen, die so tun, als wären sie Perücken. Oder du machst dir einen Bart dran. Dann bist du so: ‚Holger 2.0, mysteriöser Schriftsteller.‘“ In ihrer Vorstellung schien ein angeklebter Bart mühelos Jahrzehnte des Zweifels und der Selbstreflexion zu ersetzen. Holger stellte sich kurz vor, wie er mit Kunsthaar im Gesicht auf Lesungen ginge, und musste zu seiner eigenen Bestürzung feststellen, dass der Gedanke gar nicht völlig absurd war. Vielleicht war das das eigentlich Beunruhigende.

Sie blieb vor einer Skulptur stehen, einer Art weiblichem Torso mit überlanger Halswirbelsäule, auf dem – welch Ironie – ebenfalls eine grüne Perücke thronte. „Guck mal“, sagte sie. „Meine spirituelle Schwester.“ Holger sah abwechselnd auf das betonfarbene Gesicht mit den roten Lippen und auf Chantalle verde. Es war, als habe jemand versucht, ihre Essenz in Gips zu gießen und leicht zu übertreiben, um sicherzugehen, dass man es auch merkt. „Die ist aber still“, murmelte Holger. „Vielleicht denkt sie, und du willst ja keine Falten riskieren.“ Chantalle kicherte, ohne den Witz vollständig zu fassen, aber weil ihr Instinkt ihr zuverlässig zuflüsterte, wann Lachen angebracht war.

Während sie weiter durch die Ausstellung schlenderten, erzählte sie von ihren Plänen: ein eigener Kanal nur für ihre verschiedenen Ichs, jede Perücke ein eigener Account, damit der Algorithmus nicht durcheinanderkommt. „Die Leute wollen Vielfalt“, erklärte sie. „Aber sie wollen sie sortiert. Also kriegen sie Chantalle classic, Chantalle verde, Chantalle noir und so weiter. Alles kuratiert. Gefühle als Serienformat, verstehst du?“ Holger verstand es tatsächlich und mochte dieses Verstehen nicht besonders, denn es ließ seine eigene, unsortierte Innenwelt plötzlich so unpraktisch wirken, wie einen Dachboden ohne Regalsystem.

„Und wer bist du, wenn du gar keine Perücke trägst?“, fragte er schließlich, weil die Frage einfach zu offensichtlich war, um sie nicht zu stellen. Chantalle dachte etwas länger nach als üblich, was bei ihr ungefähr drei Sekunden bedeutete. „Dann bin ich müde“, sagte sie ehrlich. „Müde ist kein Content. Also lasse ich das eher.“ Sie lächelte entschuldigend, als spräche sie über eine alte, liebenswerte, aber geschäftsschädigende Tante. Holger spürte, wie ihn bei diesem Satz eine merkwürdige Wehmut anwehte, wie ein Luftzug in einem Zimmer, in dem irgendwo ein Fenster offensteht, das man nicht findet.

Sie gingen zurück zum Eingang, wo ein Tisch mit Infoflyern und einem Gästebuch stand. „Schreibst du dich ein?“, fragte Chantalle. „Klar, oldschool, oder?“ Holger nahm den Stift in die Hand – ein ganz normaler Kugelschreiber, der plötzlich wie ein Relikt aus einer langsam aussterbenden Kultur wirkte – und überlegte kurz. Dann schrieb er: „Holger, temporär neidisch auf die Generation, die sich neu erfinden kann, ohne dafür erst denken zu müssen.“ Er legte den Stift weg und merkte, dass ihn das Bekenntnis ein bisschen erleichtert hatte.

„Was hast du geschrieben?“, wollte Chantalle wissen. „Nur meinen Namen“, log Holger und lächelte vage. Manche Wahrheiten, fand er, sollten nicht in Gästebücher, sondern allenfalls in stillen Momenten zwischen zwei Cappuccinos. „Kommst du eigentlich auch mal in meinem Live vorbei?“, fragte sie zum Abschied. „Morgen mache ich ‚Q&A mit Chantalle verde: Wie du dein True Self findest, ohne dich zu verlieren‘.“ Holger versprach irgendetwas Unverbindliches, das sie als euphorisches Ja interpretierte, und sah ihr nach, wie sie mit ihrem grünen Haar durch die Ausstellung glitt, ein wandelnder Farbakzent inmitten gedämpfter Erdtöne.

Als sie verschwunden war, blieb er noch einen Moment vor der Skulptur stehen, der mit der anderen grünen Perücke. „Sie haben es gut“, murmelte er zu der stummen Schwesterfigur. „Sie müssen niemandem erklären, warum Sie heute so sind, wie Sie sind.“ Dann strich er sich durchs eigene, etwas dünner gewordene Haar und dachte: Eine Perücke allein wäre es nicht. Aber ein bisschen von dieser frechen, gedankenfreien Verwandlungsfreude – gegen die hätte er nichts einzuwenden. Neidisch, ja. Aber auf eine Weise, die fast schon an Bewunderung grenzte.

Wer Holger und seine Badenixen, Könige, Engel & Co. nicht nur lesen, sondern aus echtem Beton in die Welt setzen möchte: Die Figuren auf den Bildern sind die Inspiration für die Geschichten – und Holger selbst ist dort aus Beton entstanden –, im Tat.Ort Wassenberg bei Gabriele Bröcher kann man solche Figuren selbst gestalten oder fertige kaufen; mehr dazu auf www.tatort-wassenberg.de.

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